Deportation Class

Film + Gespräch am 26.09.

Wenn von „Abschiebungen“ in Deutschland gesprochen wird, dann ist den Wenigsten klar, dass es dabei um den Vollzug einer staatlichen Zwangsmaßnahme geht, und zwar für Menschen, die nicht bereit waren, Deutschland freiwillig zu verlassen, obwohl ihre Asylanträge abgelehnt wurden. Carsten Rau und Hauke Wendler geben den Menschen ein Gesicht, die einmal gehofft hatten, sie könnten in Deutschland von vorne anfangen.

Dieser Film ist herzzerreißend – nicht nur wegen der Schicksale der Abgeschobenen, sondern auch wegen des Verfahrens an sich, das mehr als diskussionswürdig ist. Schon deshalb sollte die Dokumentation so viel Publikum wie möglich erreichen. Näheres dazu im Anschluss an die Besprechung!

Mitten in der Nacht kommen sie – Polizei und Behördenmitarbeiter reißen Familien aus dem Schlaf, geben ihnen eine halbe Stunde zum Packen und bringen sie zum wartenden Bus, der zum Flughafen fährt. Die Abschiebung ist der letzte Schritt in einem gesetzlich geregelten Verfahren. Zu den Folgen gehört ein Einreiseverbot und zu dessen Aufhebung meistens die nachträgliche Übernahme der Kosten der Abschiebung. Und da steht schon der gecharterte Flieger von Air Berlin auf dem Flughafen Rostock-Laage bereit – ein symbolischer Pleitegeier, der darauf wartet, die Abgeschobenen zurück in ihr ungeliebtes Heimatland zu bringen.
 
Die beiden Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler hatten Gelegenheit, eine komplette Sammelabschiebung aus Mecklenburg-Vorpommern von der Planung bis zum im Behördensinne erfolgreichen Abschluss zu begleiten. Sie geben den Menschen, die in Deutschland nicht mehr erwünscht sind, nicht nur ein Gesicht, sondern auch ihre Geschichten, die sie vor der Kamera erzählen. Zusätzlich kommen dankenswerterweise auch Polizisten, Mitarbeiter der Ausländerbehörde, Lehrer und Juristen zu Wort. Ihre Beiträge sind ebenfalls beeindruckend, nicht nur, weil sie den Mut hatten, vor die Kamera zu treten, sondern auch, weil sie ganz offen Auskunft geben über ihre vorhandenen oder nicht vorhandenen Emotionen angesichts der menschlichen Not. Eine ganze Familie wegzuschicken, geht an den meisten nicht spurlos vorbei, auch nicht an den Polizisten, die manchmal gar nicht nachdenken wollen, sondern nur ihren Job machen.
 
Auch wenn der Ton von Polizei und Ordnungsbehörden generell ruhig und freundlich ist, macht das ganze Szenario ein mulmiges Gefühl. War da nicht mal was mit nächtlichen Transporten? Ist das nicht eigentlich eine typische Handlung, die man eher in einer Diktatur als in einem demokratischen Rechtsstaat erwarten würde? Warum werden Menschen so behandelt?
 
Die Logik ist bestechend: Diese Menschen sind ehemalige Asylbewerber, Geflüchtete also, sie sind von Abschiebung bedroht, sie wissen seit mehr als einem Jahr, dass sie nicht in Deutschland bleiben dürfen, und trotz der Aufforderung, in ihr Heimatland zurückzukehren, haben sie diese Möglichkeit nicht ergriffen und sind hier geblieben. Aber die Angst vor der Rückkehr ist größer als die Angst vor der deutschen Exekutive. Und nun übernimmt die Staatsgewalt den bürokratischen Akt der Vollstreckung, durchaus auch zu Erziehungs- und Abschreckungszwecken. Alle sollen wissen, was ihnen droht, wenn sie illegal in Deutschland bleiben. Viele haben weiter um ihren Asylantrag gekämpft, so wie die Familie von Angjela und Elidor, die auf der Flucht vor der Blutrache mit ihrer kranken Mutter nach Deutschland kamen. Ihr Vater hatte im Streit einen Mann getötet, und das bedeutet: Dafür muss einer aus ihrer Familie sterben. Das Problem ist in Deutschland sogar bekannt, führt aber nicht zu einer Anerkennung des Asylantrags. Denn Albanien gilt als sicheres Herkunftsland – die Bedrohung durch die Blutrache wird daher als internes Problem betrachtet, das die Familie doch bitte mit der albanischen Polizei klären soll …
 
Gezim und seine Familie hatten vor allem auf eine bessere Zukunft gehofft. Der Familienvater wollte seinen Kindern eine gute Schulbildung und ein Leben in Sicherheit, frei von Repressalien ermöglichen. Er ist pragmatisch: Sein Plan ist gescheitert, es hat nicht geklappt. Weitermachen. Nochmal von vorne anfangen. Wird schon. Schade.
 
Es sind manchmal Details, die zeigen, wie der Hase hier läuft. Warum hat die Polizei keinen Dolmetscher dabei, sondern nur das Filmteam? Auch Angjelas Lehrer spricht von seiner Ohnmacht und von dem Versuch, mit der Situation klarzukommen. Aber es gibt keine Rührseligkeit. Hier wird nicht auf die Tränendrüsen gedrückt. Der Film dokumentiert in sachlicher Form das Vorgehen der Behörde, aber er zeigt auch in intensiven Schwarzweißbildern Close-ups von den Gesichtern der beiden Familien, die im Mittelpunkt stehen. Am Ende reist das Filmteam nach Albanien und zeigt den Neuanfang oder – im Falle von Angjela und Elidor – den gescheiterten Versuch, überhaupt irgendwo unterzukommen. Denn wer nimmt schon eine Familie auf, die von Blutrache bedroht ist?
 
Was den Film so traurig und erschütternd macht, sind weniger die Geschichten der Menschen, es ist der behördliche Umgang mit ihnen und das klare Bewusstsein, dass sich hier etwas ändern muss. Dringend. Und dazu gehört, dass möglichst viele Menschen über die Abschiebepraktiken informiert werden. Das ist dank der Initiative der beiden Filmemacher nun im Kino möglich.

Dokumentarfilm
Deutschland 2016
Regie/Drehbuch: Carsten Rau und Hauke Wendler
Länge: 85 Minuten