Der Himmel wird warten

Zuletzt machte die Französin Marie-Castille Mention-Schaar mit ihrem Schuldrama „Die Schüler der Madame Anne“ auf soziale Missstände in ihrem Heimatland aufmerksam. Im Angesicht der letzten Terroranschläge in Frankreich erscheint ihr neuer Film „Der Himmel wird warten“ umso dringlicher. Anhand von drei ineinander verwobenen Episoden schildert Mention-Schaar, wie Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat junge Märtyrerinnen für ihren Dschihad rekrutieren. Eine Besonderheit der mehrdimensionalen Sozialstudie ist die weibliche Perspektive, aus der sie das heikle Thema aufrollt, denn tatsächlich vollziehen keineswegs nur junge Männer, sondern auch Frauen eine islamistische Radikalisierung.

Die 16-jährige Schülerin Mélanie (Naomi Amarger) lebt mit ihrer Mutter in Paris, spielt Cello und wünscht sich eine bessere Welt. Als ihre Großmutter im Pflegeheim verstirbt, findet Mélanies Facebook-Freund Mehdi tröstende Worte und trifft Mélanie mit seiner antikapitalistischen Weltsicht und gefühligen Propagandavideos ins Herz. Beim Schreiben unzähliger Nachrichten verfällt Mélanie dem IS-Anhänger, konvertiert zum Islam und will nach Syrien abhauen.
 
Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat ähnliches durchlebt und gelangte allein durch Zufall nicht nach Syrien. Mitten in der Nacht stürmt eine Spezialeinheit die Wohnung der Eltern (Sandrine Bonnaire & Zinedine Soualem), die kaum fassen können, dass ihre Tochter einen Anschlag in Frankreich geplant haben soll. Unter strengen Auflagen entgeht Sonia der Untersuchungshaft und sucht mit Hilfe ihrer Familie und der muslimischen Seelsorgerin Dounia Bouzar (als sie selbst) einen Weg zurück in die Normalität.
 
Ebenfalls Bouzars Bekanntschaft macht Sylvie (Clotilde Courau), deren Tochter sich bereits dem Dschihad angeschlossen hat. Die Ungewissheit überschattet das Leben der traumatisierten Mutter, die ihr Kind schließlich in Syrien suchen will.
 
Die drei Erzählstränge schildern den Verlauf einer Rekrutierung sowie die Folgen für Betroffene und Angehörige. Als Bindeglied dient die Therapeutin Dounia Bouzar, die sich im echten Leben ebenfalls Opfer der IS-Menschenfänger begleitet. So ausführlich wie für einen Dokumentarfilm recherchierte Marie-Castille Mention-Schaar und besuchte mit Dounia Bouzar mehrere Familien, deren Kinder sich dem IS anschlossen. Die Inspiration für das gemeinsam mit Emilie Frèche verfasste Drehbuch entspringt also wahren Schicksalen, worauf auch die dokumentarisch wirkende Handkamera verweist.
 
Wegen der schieren Informationsfülle, die Mention-Schaar in ihrem aufklärerischen Drama unterbringt, wirkt die Analyse oft oberflächlich. Die Charakterzeichnung ist zwar differenziert, doch letztlich bleibt unverständlich, warum es die ganz normalen Mädchen aus ganz normalen Familien als Dschihadistinnen nach Syrien zieht. Dass Mélanie mitten in der Pubertät und der Trauer um ihre Oma anfällig für Mehdis Liebesbekundungen ist, ist das Eine. Warum die intelligente Teenagerin seine Verschwörungstheorien und die zunehmend herrische Art nicht stärker hinterfragt, bleibt hingegen nebulös.
 
Mit glaubwürdigen Schauspielern und emotional zupackenden Momenten unternimmt „Der Himmel wird warten“ dennoch einen spannenden, in die Breite erzählten Einblick in die Mechanismen der IS-Anwerbung. Feine Beobachtungen wie jene, dass Konvertiten die Gebetsregeln des Islam viel ernster nehmen als geborene Muslime, zeichnen das fest in der Realität verankerte Gesellschaftsdrama aus.

Frankreich 2016
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
Drehbuch: Emilie Frèche & Marie-Castille Mention-Schaar
Darsteller: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem, Yvan Attal, Ariane Ascaride, Dounia Bouzar
Laufzeit: 105 Min.