Die Unsichtbaren – Wir wollen leben

Aufwühlend erzählt Regisseur Claus Räfle mit seinem außergewöhnlichen Dokudrama die wahre Geschichte von vier jüdischen Jugendlichen, die sich während des der NS-Zeit in Berlin erfolgreich ihrer Deportation widersetzten. Stilistisch verknüpft sein mutiges, hoch-emotionales Historienkino geschickt Interviews der überlebenden Zeitzeugen mit fesselnden Spielfilmszenen des wenig bekannten Kapitels jüdischen Widerstands. Unterstützt wird der Grimmepreisträger dabei von einer Riege von Nachwuchstalenten, angefangen von Max Mauff über Alice Dwyer, Aaron Altares bis hin zu Ruby O. Fee. Aber auch der Rest des Ensembles überzeugt.

Berlin, 1943. Das Nazi-Regime hat die Reichshauptstadt offiziell für „judenrein“ erklärt. Doch einigen gelingt Unvorstellbares. Sie entkommen den grausamen NS-Behörden. Sie verstecken sich, tarnen sich, tauchen im Untergrund ab. Oft ist es pures Glück und ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie vor dem gefürchteten Zugriff der Gestapo in der Anonymität der Großstadt bewahrt. Nur wenige Vertraute wissen von ihrer wahren Herkunft. „Schlank wie ein Reh und so hübsche dunkle Augen. Wie bei einer Jüdin“, sagt der glatzköpfige Wehrmachtsoffizier zur jungen Arzttochter Ruth Arndt (Ruby O. Fee), die ihm gerade etwas Wein nachschenken will.
 
Die Stimmung am Tisch ist ausgelassen, die SS-Schergen haben ihre Hemdkragen geöffnet, es werden Zigarren gepafft. Der kurze, angespannte Moment verstreicht, dann antwortet Ruth geistesgegenwärtig: „Ich dachte, es gibt keine Juden mehr in Berlin“. Die Runde lacht. Ihre Freundin Ellen (Victoria Schulz) verfolgt die Szene mit Schrecken. Beide sind Jüdinnen, zwei von 7000, die sich der Deportation widersetzen konnten, sich versteckten oder eine andere Identität annahmen. Zu Unsichtbaren wurden. Bevor an eine Flucht aus Deutschland zu denken ist, tarnen sich die beiden jungen Frauen als Kriegswitwen. In der Wohnung des NS-Offiziers Oberst Wehlen (Horst Günter Marx) servieren sie bei geheimen Treffen Schwarzmarkt-Delikatessen.
 
Die junge Hanni Lévy (Alice Dwyer) dagegen blondiert sich die Haare, um als Arierin zu überleben. Die 17jährige Vollwaise irrt durch die Stadt, über den Kudamm und flüchtet sich in dunkle Kinosäle. Auf sich allein gestellt, ohne Eltern und in der Illegalität, muss sie täglich Entscheidungen treffen, die sie das Leben kosten können. Sie befindet sich in einem permanenten Ausnahmezustand. Das gilt auch für den zwanzigjährigen Cioma Schönhaus (Max Mauff). Er taucht bei einer ahnungslosen Vermieterin unter. Schon bald beginnt er mit seinem Freund Ludwig Lichtwitz (Sergej Moya) und dem Elektriker Werner Scharff (Florian Lukas) für die Untergrundgruppe um den ehemalige Oberregierungsrat Dr. Franz Kaufmann (Robert Hunger-Bühler)  wagemutig Pässe zu fälschen.
 
So kann er das Leben dutzender anderer Verfolgter retten. Cioma ist abenteuerlustig und schlagfertig. Verwegen kauft er sich ein Segelboot und schippert damit über die Havel. Das Ausweisfälschen im Akkord gibt seinen Tagen Struktur. Zunächst gut getarnt befindet sich die Passfälscherwerkstatt in einem Elektrolager der afghanischen Botschaft. Eugen Friede (Aaron Altares) verteilt nachts im Widerstand Flugblätter. Anfangs kann er sich tagsüber in der Uniform der Hitlerjugend bei einer deutschen Familie verstecken. Doch als die Tochter, noch ein Schulmädchen, immer mehr Fragen stellt, wird es auch für ihn als „Unsichtbaren“ brenzlig.
 
Spannend entfaltet sich die Handlung als Parallelmontage, denn die vier Helden begegnen einander nie. Die Interviews mit den realen Vorbildern der Filmfiguren beeindrucken zwischen den fesselnden Spielszenen und verleihen dem Dokudrama von Claus Räfle und Co-Autorin Alejandra López  eine zusätzliche emotionale Tiefe. Sie unterbrechen die Handlung nie unvermittelt, sondern bereichern durch ihre Authentizität. Gleichsam besiegeln sie die Glaubhaftigkeit dieser Schicksale. Denn das kollektive Gedächtnis lässt nach.
 
„Von Cioma Schönhaus Erzählungen konnte ich viel für die Interpretation meiner Rolle lernen“, sagt der 28-Jährige Schauspieler Max Mauff. Und auch der Zuschauer darf erleben wie sich der agile, verschmitzte Grafiker trotz allem seinen Humor bewahren konnte und nicht verbitterte. „Wer nicht an Wunder glaubt“, sagt Cioma Schönhaus, „ist kein Realist“. Ein Satz, den der 92-Jährige sich zum Lebensmotto erkor. Sein Leichtsinn brachte ihn oft in fast auswegslose Situationen. Aber gleichzeitig rettete er ihm genauso häufig das Leben. Schließlich wagte er es sogar, mit einem Fahrrad von Berlin in Richtung Schweiz zu fahren, Nach einer unglaublichen Odyssee landet er tatsächlich dort.
 
„Selten war ich so nervös wie bei diesem Dreh“, gesteht Schauspielerin Alice Dwyer. Die Lebensgeschichte der jungen Hanni Levy und die damit verbundene Verantwortung überwältigte sie. Gleichzeitig war das Nachwuchstalent fasziniert davon, wie fit und vital die inzwischen über 90-jährige Frau ist, die heute in Paris lebt. Als der Krieg 1945 zu Ende geht, haben von den 7000 versteckten Juden in Berlin nur knapp 1500 den Terror des Nationalsozialismus überlebt. Cioma, Hanni, Eugen und Ruth waren vier davon.

Deutschland 2016
Regie: Claus Räfle
Drehbuch: Claus Räfle, Alejandra López
Darsteller: Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O.Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz, Florian Lukas, Andreas Schmidt, Laila Maria Witt, Sergej Moya, Robert Hunger-Bühler Lucas Reiber, Rick Okon, Maren Eggert, Steffi Kühnert, Swetlana Schönfeld, Naomi Krauss, Horst Günter Marx.
Länge: 106 Minuten