Dil Leyla

Mit sechs Jahren kam Leyla Imret aus der Türkei nach Bremen, wo sie bei ihrer Tante aufwuchs. Mit 28 Jahren kehrte sie in ihre Heimatstadt Cizre im Südosten der Türkei zurück, kandidierte dort für die kurdische BDP und wurde zu einer der jüngsten Bürgermeisterinnen des Landes gewählt. Im Jahr 2015 wurde Imret wegen Aufwiegelung gegen den Staat angeklagt und des Amtes enthoben. In DIL LEYLA porträtiert Dokumentarfilmerin Asli Özarslan die entschlossene und mutige junge Frau.

Nachdem ihr Vater, der im kurdischen Widerstand aktiv war, im Jahr 1993 von türkischen Soldaten erschossen wurde, schickte Leylas Mutter ihre Tochter aus der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Cizre in der Osttürkei nach Bremen zu ihrer Tante. Leyla Imret ist sechs Jahre alt, als sie in Deutschland ankommt. Fotos aus der Zeit zeigen ein fröhliches Kind, das sich schnell mit ihrer Cousine anfreundet und in Deutschland heimisch wird. Aber Leyla sagt auch, sie habe sich immer unvollständig gefühlt, bis sie mit zum ersten Mal nach Cizre kommt. Mit 27 Jahren kehrt sie an ihren Geburtsort zurück. Im Jahr 2013 wird sie mit 28 Jahren mit über 80% der Stimmen zu einer der jüngsten Bürgermeisterinnen der Türkei gewählt.

DIL LEYLA – was „Mein Herz Leyla“ bedeutet und der Kosename von Leylas Vater für seine Tochter war - beginnt im Jahr 2014, in einer Zeit der Aufbruchstimmung. Der Film zeigt Leyla, wie sie mit ihren Bürger*innen das kurdische Neujahrsfest feiert, wie sie in einer staubigen Wohnhaussiedlung den Ort für den neuen Spielplatz begutachtet und mit den Händlern des Bazars den Neubau des Marktes und des brandneuen Schlachthauses diskutiert. Wo sie hinkommt, wird sie geherzt und gefeiert. Sie reagiert offen und warmherzig, kann aber auch sehr resolut sein, etwa wenn sie den Händlern erklärt, warum die Alltagsgeschäfte in der ständigen Krisensituation nur stockend vorankommen. Oder, wenn sie einen Bauunternehmer zur Rede stellt, warum es mit den geplanten Parks länger dauert. „Die über mir machen Probleme“, sagt er. „Ich mache keine Probleme“, gibt sie als oberste Bauherrin zurück.

Immer wieder sucht DIL LEYLA aber auch die grüne Vorortsiedlung in Bremen auf, in der Leyla aufwuchs, und spricht mit ihrer Familie dort. Bilder von sauberen Straßen und sehr gepflegten Hecken vor grauem Himmel kontrastieren die braun-beigen Stadtbilder aus der Türkei. Wenn es nach Leylas Mutter gegangen wäre, wäre Leyla nie wieder nach Cizre zurückgekehrt. Zu gefährlich, zuviel Druck für eine junge Frau. Leyla sieht das natürlich anders, aber wenn sie 15.000 Bäume pflanzen und den Schlachthof nach strikten  Hygienestandards bauen lässt, dann scheint der Film nicht nur vom Bemühen einer Bürgermeisterin um Verbesserung der Lebensumstände, sondern auch vom Heimweh nach der Gastheimat zu erzählen.  DIL LEYLA konzentriert sich ganz auf seine mutige und sehr offene Protagonistin. Leyla wirkt eher wie die Freundin aus Schülertagen oder die Nachbarin, als wie eine Politikerin, die taktiert und das Gesicht wahren muss.

Die politischen Rahmenbedingungen werden im Film dagegen nur sehr knapp angerissen. Sie verschlechtern sich Jahr 2015 rapide. Im Juni tritt Leyla Imrets BDP auf Landesebene der HDP bei, die als Dachorganisation für kurdische und linke Parteien fungiert. Während des Wahlkampfes zu den Parlamentswahlen werden Anschläge auf HDP-Büros und auf eine Kundgebung der Partei verübt. Die Stimmung ist angespannt, aber auch enthusiastisch – die HDP erreicht 13% der Stimmen und wäre damit substantiell im Parlament vertreten. Die Umsetzung der Wahlergebnisse verzögert sich. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der PKK - „kurdische Städte werden unruhig“ heißt es dazu vage im Film. Cizre wird mit einer Ausgangssperre belegt und – wieder einmal - beschossen.

Leyla Imret selbst wird nach einem Interview mit „Vice“, in dem sie zum Bürgerkrieg aufgerufen haben soll, wegen Aufwieglung des Volkes gegen den Staat und Propaganda für eine Terrororganisation angeklagt und des Amtes enthoben. Die letzten Bilder zeigen sie in einer Stadt, die wie nach einem Bombenangriff aussieht, sie klingt sehr deprimiert, aber auch entschlossen. Sie habe ihrem Vater immer vorgeworfen, dass er seine Überzeugungen vor seine Familie gestellt habe, jetzt beginne sie, ihn zu verstehen.

Deutschland 2016
Regie: Asli Özarslan
Drehbuch: Asli Özarslan
Kamera: Carina Neubohn, Asli Özarslan
Länge: 71 Minuten