Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Als Hollywood-Schauspielerin erlangte Natalie Portman längst Weltruhm, den sie 2011 mit ihrem Oscar für die Hauptrolle in „Black Swan“ krönte. Nun debütiert sie als Regisseurin mit dem Drama „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ nach den Memoiren des israelischen Nationalschriftstellers Amos Oz. Für ihr Erstlingswerk hat sie sich nicht gerade einen leichten Stoff ausgesucht, denn der von ihr selbst in Drehbuchform gebrachte Roman erzählt nicht nur von der Geburt des israelischen Staats, sondern auch von der Depression von Amos Oz' Mutter, die Portman selbst spielt. Das ambitionierte Drama feierte seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes.

Jerusalem 1945: Fania Oz (Natalie Portman), ihr Ehemann Arieh (Gilad Kahana) und der sechsjährige Amos (Amir Tessler) erreichen nach dem Zweiten Weltkrieg Jerusalem, das unter britischem Protektorat steht. In Palästina hofft die jüdische Familie auf die Gründung eines jüdischen Staats und ein Leben abseits der Kriegsgräuel, die Fania als Jüdin in Osteuropa hautnah miterlebte. Während sich Arieh recht erfolglos als Schriftsteller versucht und an der Universität lehrt, hat Fania große Probleme, sich mit den neuen Lebensumständen zu arrangieren. Eigentlich stammt sie aus wohlhabenden Verhältnissen, in der neuen Heimat bleiben ihr indes nur noch russische Liebesromane und ihr Sohn. Als ein UN-Votum im November 1947 die Unabhängigkeit Israels beschließt, bricht der Unabhängigkeitskrieg aus und Fania gleitet endgültig in eine tiefe Depression, was auch für ihren Sohn Amos eine schwierige Situation ist.
 
Im Grunde erzählt „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ eine doppelte Coming of Age-Geschichte: Die des jungen Staates Israel und die des heranwachsenden Amos Oz, der inzwischen der wohl bekannteste Literat Israels ist. Seine zaghaften Anfänge als Schriftsteller liegen zum Beispiel in der Schulzeit, wo Amos die Attacken seiner Mitschüler abwehrt, indem er ihnen Geschichten aus „Tarzan“ und anderen Abenteuerromanen erzählt, die mit einem Cliffhanger enden. Das bringt die Raufbolde von ihren Hänseleien ab, weil sie am nächsten Tag den Ausgang der Stories erfahren wollen. Mit dem Off-Kommentar des gealterten Amos und Kameraperspektiven, die dem Jungen etwa unter einen Tisch folgen, nimmt der Film die Perspektive des Jungen ein.
 
Im Mittelpunkt der Erzählung steht indes jederzeit die von Natalie Portman gespielte Mutter, deren tiefgreifende Depression den Ton des Dramas vorgibt und die Handlung prägt. Ihre als kurze Binnenerzählungen inszenierten Geschichten werfen einen düsteren Schatten voraus, handeln sie doch meist von Ungerechtigkeit, Verzweiflung und Selbstmord. Das Unheil bahnt sich in den grimmigen Anekdoten von der Judenverfolgung und der kargen Kindheit in Osteuropa an, die Natalie Portman als poetische Zwischenstücke in die Handlung webt. Erst als die Depression überhand nimmt, verstummt diese Ebene. Der Vater bleibt bei alledem eine Rand- und bisweilen auch Witzfigur, dessen einzige Gemeinsamkeit mit seiner Frau die Liebe zur Literatur ist.
 
Die vielen Themen ihres Dramas, das immer wieder die jüdisch-arabischen Beziehungen thematisiert und zwischen Geschichts- und Familiendrama pendelt, bekommt Natalie Portman nicht wirklich unter einen Hut. In der zweiten Hälfte flacht die Handlung ab und wird bisweilen rührselig, wenn Fania im strömenden Regen steht und ins Leere starrt. Mit der gesetzten Erzählweise, die mit vielen Abblenden und Zeitlupen arbeitet, findet Natalie Portman aber eine passende filmische Form für das Drama, das sie im Zeichen der Authentizität auf Hebräisch gedreht hat. Die in erdigen Farben gehaltenen Bilder des polnischen Kameramanns Slawomir Idziak („Black Hawk Down“) vermitteln die Melancholie der Geschichte auf eine dezidiert filmische, oft poetische Weise.
 
Vielleicht ist es der Betrachtungsweise des Filmkritikers geschuldet, doch in manchen Szenen scheint das Echo von Filmemachern nachzuwirken, mit denen Natalie Portman in ihrer Karriere gearbeitet hat. Zum Beispiel, wenn sie in Zeitlupe an zerschlissenen Mauern entlang läuft wie die Figuren bei Wong Kar-wai („My Blueberry Nights“) oder wenn die Rückblenden an die existentialistischen Traumbilder eines Terrence Malick („Knight of Cups“) erinnern. Eine eigene Handschrift findet Natalie Portman als Regisseurin nicht, doch dafür ist ihr Blick auf die Figuren immer konzentriert und die Erzählweise durchweg übersichtlich. Zudem inszeniert die unter dem Namen Neta-Lee Hershlag geborene Portman ganz im Sinne eines Auteurs eine persönliche Geschichte, legte sie doch immer großen Wert auf ihre jüdischen Wurzeln. So ist „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ein zwar nicht vollends überzeugendes, aber vielversprechendes Debüt, das auf weitere Regiearbeiten von Natalie Portman hoffen lässt.

Israel 2015
Regie: Natalie Portman
Drehbuch: Natalie Portman; nach den Memoiren von Amos Oz
Darsteller: Natalie Portman, Ohad Knoller, Shira Haas, Makram Khoury, Amir Tessler, Rotem Keinan, Gilad Kahana, Moni Moshonov
Länge: 98 Min.