Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper

Weltpremiere feierte der Animationsfilm „Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper“ in der renommierten Berlinale-Sektion Generation Kplus, die Wiesbadener Filmbewertungsstelle verlieh das Prädikat „Besonders Wertvoll“ und sah einen „handwerklich in allen Belangen perfekt“ gemachten Kinderfilm, der die „internationale Konkurrenz nicht zu fürchten“ braucht. Dem ist zuzustimmen. Die europäische Koproduktion über einen Spatz, der – obwohl kein Zugvogel – gen Afrika fliegen will, überzeugt mit einer rührenden, lustigen, abenteuerlichen Geschichte und der sympathischen Machart. Besonders schön: Das Road Movie schreckt nicht vor schwierigen Momenten zurück, sondern nimmt das junge Zielpublikum Ernst.

Just in dem Moment, als der verwaiste Spatz Richard dem Ei entschlüpft, inspiziert die grazile Storchendame Aurora das verlassene Nest. Aus Mitleid nimmt sie den Jungen mit in das Nest auf einer Burgruine, wo sie mit Claudius und dem gemeinsamen Sohn Max lebt. Obwohl der Vater es nicht gutheißt, lebt der artfremde Spatz den Sommer über bei den Störchen und wächst mit Max als Bruder auf. Richard selbst hält sich für einen auffällig kleinen Storch, doch im Herbst bekommt er das Gegenteil zu spüren: Die Zieheltern brechen ins warme Afrika auf und lassen Richard allein zurück, da der Spatz den Überflug kaum überstehen würde.
 
Der in der fein kuratierten Berlinale-Sektion Generation Kplus aufgeführte Animationsfilm schont die junge Zielzuschauerschaft kaum. Als Richard verlassen wird, stürmt es dramatisch und der verzweifelte Spatz stürzt metertief aus dem Nest. In der Nacht attackieren Fledermäuse und Richard lernt die erst gruselig wirkende Zwergeule Olga kennen. Das folgende Abenteuer, die Reise nach Afrika, fällt aber wieder humorvoll aus. Für Lacher sorgen der divenhafte Wellensittich Kiki und Sidekicks wie Tauben, die sich via Stromleitungen in soziale Netzwerke einloggen. Spannung kommt wieder auf, als ein gefährlicher Honigdachs auftritt.
 
Die Hauptfiguren sind allesamt Außenseiter. Die zerzauste Olga ist als Zwergeule zu groß geraten und wurde deshalb von ihrer Familie verstoßen, der bunte Wellensittich Kiki träumt nach vielen Käfigjahren von einer Musikkarriere, bringt aber nicht das nötige Talent mit, Richard wäre gern ein Storch, doch gehört als Spatz nicht dazu. Mit dem riskanten Flug nach Afrika will er seinem „Vater“ beweisen, was in ihm steckt – und erlebt eine typische, doch keineswegs öde Heldenreise. Die Vermenschlichung der Vögel, die mit ihrer Identität, der (Ersatz-)Familie und der Erfüllung ihrer Träume hadern, erleichtert die Identifikation.
 
Die Reiseroute führt von Norddeutschland über Frankreich und Italien bis in den Norden Afrikas, wobei Landschaften und Schauplätze wie ein Naturschutzgebiet, Dörfer und Städte, eine Autobahnraststätte oder ein Kreuzfahrtschiff Abwechslung bieten. Dass „Überflieger“ eine europäische Koproduktion zwischen Deutschland, Belgien, Luxemburg und Norwegen ist, bietet sich schon allein storytechnisch an.
 
Ein besonderer Reiz der Animationen liegt in dem, was Toby Genkel in einem Interview als „cartoonigen Realismus“ bezeichnet. Wie beispielsweise in „Arlo & Spot“ oder „Baymax“ wirken die Hintergründe realistisch, während die Figuren eher comicartig ausfallen. Die Wälder, die Häuserdächer, Wasser und Wetter imitieren die Realität. Die gefiederten Helden bilden mit ihren menschlichen Verhaltensweisen einen reizvollen ästhetischen Kontrast dazu. Eine Rückblende in Zeichentrickoptik zeigt den Stilwillen der Macher ganz konkret auf.
 
Ein großes Augenzwinkern rundet die ambitionierte Inszenierung und Erzählweise ab. Kiki leidet unter Höhenangst und liefert als Gesangsdiva eine überdrehte Show ab, Olga beharrt auf der Existenz ihres imaginären (unsichtbaren?) Begleiters Oleg, und in Italien wartet mit Don Schnapone ein mafiöser Vogel. Mit solchen Momenten und der liebevollen Umsetzung ist „Überflieger“ geeignet, nicht nur Kinder auf eine schöne Reise mitzunehmen.

Luxemburg, Belgien, Deutschland, Norwegen 2017
Regie: Toby Genkel & Reza Memari
Drehbuch: Reza Memari
Sprecher: Tilman Döbler, Christian Gaul, Nicolette Krebitz, Marco Eßer, Marcus Off, Maud Ackermann, James Carter Cathcart, Peter Lontzek, Lutz Schnell
Laufzeit: 85 Min.