Das schönste Mädchen der Welt

Teeniekomödie trifft Hochliteratur: Als witzige Melange aus CYRANO DE BERGERAC und FACK JU GÖHTE jongliert der Regisseur Aron Lehmann (HIGHWAY TO HELLAS) geschickt mit angesagten Jugendtrends und bildungsbürgerlichen Idealen. Da darf auch ein bisschen herumklamottet werden, was aber ganz erfrischend ist. Denn erfreulicherweise bietet die Romcom um den klugen Cyril und seine große Liebe Roxy vor allem Unterhaltung, jede Menge Gags und einen tollen Soundtrack – ein Spaß für alle Altersgruppen… und das sogar mit Anspruch.

Nur wenn er als großer Unbekannter mit Maske beim Battle-Rap antritt, ist Cyril selbstbewusst und kann mit seinen witzigen, improvisierten Schnellreimen jeden Gegner beinahe im Handumdrehen besiegen. Doch in der rauen Wirklichkeit muss Cyril ohne Maske auskommen, und dann leidet der kluge und sensible Junge vor allem unter seiner großen Nase, über die seine Mitschüler schon jeden nur erdenklichen Witz gerissen haben. Die bevorstehende Klassenreise nach Berlin ist kaum dazu geeignet, Cyrils Stimmung zu heben. Denn eigentlich möchte Cyril die Entfernung zu den anderen eher vergrößern als verringern. Die Aussicht, mehrere Tage im Klassenverband zu verbringen, macht ihn zum Simulanten. Doch seine resolute Mutter lässt keine Ausrede gelten. Im Bus nach Berlin sitzt Cyril dann zufällig neben Roxy. Sie ist die Neue, frisch vom Elite-Internat geflogen und ebenso frech wie ungekünstelt. Cyril versteht sich prächtig mit ihr – das Mädchen lacht über seine Witze und macht selbst welche, sie kennt die Bücher, die er liest, und sie teilt seine Vorlieben. Doch leider sieht Roxy in ihm nur den guten Kumpel und verknallt sich Hals über Kopf in Cyrils Zimmergenossen, den hübschen, aber strohdoofen Rick, der so langsam denkt, dass man jeden einsamen Gedanken, der sich hin und wieder in sein Hirn verirrt, förmlich durch den Kopf schlendern sieht. Zu allem Übel erfährt Cyril, dass der Klassen-Großkotz Benno eine Wette abgeschlossen hat, er würde Roxy flachlegen, Videobeweis inklusive. Da gibt es nur eins für Cyril: Wenn er selbst Roxy nicht kriegen kann, dann soll es Rick sein, quasi als Benno-Verhinderung. Doch dafür braucht Rick dringend ein paar Nachhilfestunden. Ein paar Missverständnisse später ist Cyril schon Ricks Vertrauter, der dafür sorgt, dass aus „Mr. Valium“ der singende Gitarrenpoet wird, für den Roxy ihn hält – sozusagen ein Cyril in Schön: feinsinnig, talentiert, witzig und cool mit engelsgleichem Aussehen. Rick wird eine Art schreibende und singende Marionette und mutiert in Cyrils Händen zum Hiphop-Enkel von Bob Dylan. Während die Schulklasse mit ihren genervten Lehrkräften Berlin erobert, kommen sich Roxy und Rick immer näher. Doch im Hintergrund toben Intrigen und Streitigkeiten, die schließlich zur Konfrontation führen. Und Cyril muss entdecken, dass es einen Gegner gibt, mit dem er trotz aller Klugheit nicht gerechnet hat: er selbst.

Geschickt verknüpfen Lars Kraume, Aron Lehmann und Judy Horney als Drehbuchautoren die klassische Geschichte von Cyrano de Bergerac mit einer modernen Story, die hier und jetzt unter jungen Leuten spielt. Und diese Rechnung geht auf: Die Balance zwischen Qualitätsliteratur und Teenieklamotte stimmt. Dabei verzichten die Autoren dankenswerterweise auf die tragischen Elemente der literarischen Vorlage – im Original heiratet Roxane den dämlichen Schönling, und beide Männer sterben, bevor Roxane erfährt, was wirklich passiert ist. Stattdessen überwiegen hier die komödiantischen Elemente, ohne dass der romantische Hintergrund darunter leidet, also ähnlich wie in ROXANNE mit Steve Martin. Und natürlich geht es hier wie dort um den unterschätzten, klugen Künstler, der sich in Verzicht übt, um die geliebte Frau zu retten. In dieser Jugendversion steht allerdings die Suche nach der eigenen Identität und nach Selbstvertrauen im Vordergrund.

Die Geschichte vom klugen Ghostwriter und seiner großen Liebe ist nach wie vor anrührend, doch mit diesen frischen, jungen Darstellern gibt es keine Sentimentalitäten. Im Gegenteil: Coole Sprüche und eine lockere Sprache gehören genauso zu den Qualitäten des Films wie ein paar übermütige Filmzitate – LaLaLand lässt grüßen. Die Battle Raps sorgen zusätzlich für Stimmung und Authentizität. Sie zeigen auch einmal mehr, dass Witz und Geist bei jungen Leuten stärker gefragt sind, als die ältere Generation manchmal annimmt. Nur hin und wieder gibt es ein paar Zugeständnisse ans FUCK-JU-GÖHTE-Publikum, vor allem in den Nebenrollen, die gelegentlich allzu klischeehaft geraten sind. Das gilt mehr für die geplagte Lehrerin Frau Reimann (Heike Makatsch) als für Cyrils Mutter, gespielt von Anke Engelke. Ihr gelingt es immerhin, der kleinen Rolle einen sehr eigenen Charme zu geben. Ansonsten treiben in der Klasse die typischen Abziehbilder internationalen Pennälerhumors ihr Unwesen, von den dussligen Obertussis, Zitat: „Wir sind wie vietnamesische Zwillinge!“, bis zu den großspurigen Mackern. Aber all das macht nichts, denn erstens gibt es solche Gestalten tatsächlich in beinahe jeder Jugendgruppe, und zweitens werden dadurch Cyrils besondere Stellung und seine außergewöhnliche Persönlichkeit umso deutlicher sichtbar. Sein Außenseitertum wirkt noch schmerzhafter angesichts der geballten Durchschnittlichkeit, die ihm entgegenschlägt. Nur Roxy ist ihm ebenbürtig, und auch das ist ein Verdienst des Films, denn dieses Mädchen ist kein liebes, braves Prinzesschen, das beschützt und gerettet werden muss, sondern eine schlagfertige und liebenswert burschikose Kumpeline, mit der man auch gegebenenfalls Pferde stehlen könnte. Luna Wedler spielt die junge Dame mit viel Power und Frische, zeigt aber auch gelegentlich eine spürbare Verletzlichkeit, die sie mit Cyril teilt. Aaron Hilmer als Cyril sorgt beim Rappen für Furore, überzeugt ebenso als genervter Außenseiter und wird letztlich zum Helden, der seine eigene Schüchternheit besiegt. Das macht Aaron Hilmer ganz großartig, bis aufs i-Tüpfelchen stimmen hier Tempo und Timing; der junge Schauspieler zeigt viel komisches Talent und eine große Begabung, sich in schwierige Charaktere hineinzuversetzen. Damian Hardung ist mit leerem Blick und verständnislosen Nachfragen sehr überzeugend als Nick, der sprichwörtliche dumme Junge. Der junge, spielfreudige Cast wird ergänzt durch ein paar angesagte YouTuber und Influencer, was vermutlich junge Leute ins Kino locken soll.

Die flotte Inszenierung und eine angemessen dynamische Kameraarbeit ohne viel Schnickschnack, die viel von Berlin zeigt, ohne allzu sehr ins Touristische zu rutschen, sind ebenso erwähnenswert wie der temporeiche Bildschnitt. Last but not least, weil extrem herausragend, die Musik: Dazu gehören vor allem die Battle-Raps, sprich Hip Hop. Robin Haefs hat die Lyrics geschrieben, von denen einige zum Niederknien schön sind. Sie geben der ganzen verrückten Liebesgeschichte so viel Leichtigkeit, Echtheit und Würde, dass sogar ältere Erwachsene gerührt sein könnten. Die Songs sind witzig, ruppig, manchmal traurig … und all das passt perfekt zu einer Komödie, die beim jungen wie beim älteren Publikum ankommen könnte.

Deutschland 2018
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Lars Kraume, Aron Lehman, Judy Horney
Kamera: Andreas Berger
Darsteller: Aaron Hilmer, Luna Wedler, Damian Hardung, Anke Engelke, Heike Makatsch, Jonas Ems und Julia Beautx
109 Minuten




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