Das Wunder Im Meer von Sargasso

Das Wunder im Meer von Sargasso, das sind die Aale aus der Umgebung von Messolonghi, die mit Erreichen der Geschlechtsreife über Tausende von Kilometern hinweg zur Sargasso-See schwimmen, weil sie sich nur dort fortpflanzen. In ihrem Leben herrscht kein Stillstand, es hat eine Destination – sowohl territorial, als auch metaphysisch. Damit haben die Aale den beiden Hauptfiguren in Syllas Tzoumerkas‘ neuestem Film etwas voraus. Sie ersticken nicht in der Tristesse ihres Lebens.

So wie die Polizistin Elisabeth (Angeliki Papoulia), die einst einer Spezialeinheit in Athen angehörte, dann aber einen Job als Polizeichefin im beschaulichen Messolonghi annehmen musste. Seit mehreren Jahren lebt sie mit ihrem Sohn nun dort, aufregend ist daran aber nichts. Sie geht ein an der Tristesse ihres Seins, bis ein Selbstmord – wenn nicht gar ein möglicher Mord – ihre Aufmerksamkeit bindet. Aber das nicht in der Art, wie man das erwarten würde, denn Elisabeth erkennt darin die Chance, den Trott ihres Lebens hinter sich zu lassen.

Das will auch Rita (Youla Boudali), die in einer Aalverarbeitungsfabrik arbeitet, an Messolonghi gebunden ist, aber von einem Leben jenseits dieser Ödnis träumt. Doch mit diesen Träumen läuft sie den Wünschen und Vorstellungen ihres Bruders zuwider, einem Schlagersänger, der zuerst bei einem Auftritt die Gäste beleidigt und tags darauf erhängt am Strand gefunden wird. War es Selbstmord? War es Mord?

Tzoumerkas nutzt die Formeln eines Thrillers, verpackt dessen Elemente aber in ein intensives Drama, das vom Zerbersten lang gehegter Träume in einer gottverlassenen Stadt irgendwo im Nirgendwo erzählt. Er kleidet das in atmosphärische Bilder, die weit jenseits aller Urlaubsromantik stattfinden, sondern den Blick hinter die Kulissen lenken. Was vordergründig so unscheinbar ist, ist eigentlich nur Fassade für ein Fanal des Wahnsinns, das sich den Anstrich der Normalität verleiht und seit Jahrzehnten gedeiht. Aber Messolonghi ist auch so etwas wie der Vorhof zur Hölle, eine heiß-trockene Welt, in der Korruption und Verkommenheit gedeihen.

Gewalt ist hier etwas, das immer unterdrückt wird, das sich jedoch zum Finale hin Bahn bricht – und das mit einer heftigen Explosion, in deren Nachwehen nichts mehr ist, wie es war. Auch das ist eine der Stärken von „Das Wunder im Meer von Sargasso“, denn hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern nur darum, die Chancen zu nutzen, die sich einem bieten. In keiner Figur wird dies besser dargestellt als in der der Polizistin, die ihrer Umwelt gegenüber kaum garstiger sein könnte, aber auch so clever ist, das Geschehen als eine Möglichkeit zu verstehen, der festgefahrenen Situation, in der sie steckt, zu entkommen.

Sympathisch macht das die Figur nicht, Angeliki Papoulia spielt das jedoch auf den Punkt. Man mag sie nicht, aber man versteht sie, ist sie doch Opfer eines patriarchalischen Systems, in dem die Träume von Frauen schon immer der Willkür der Männer geopfert wurden. Aber „Das Wunder im Meer von Sargasso“ ist auch ein feministischer Film. Weil die Polizistin zurückschlägt und nicht nur das Leben bei den Eiern packt. Am Ende ist nichts, wie es war. Als Zuschauer hat man ein energiegeladenes Drama gesehen, das die moderne Entsprechung einer griechischen Tragödie ist.

Griechenland / Deutschland / Niederlande / Schweden 2019
Regie: Syllas Tzoumerkas
Buch: Youla Boudali, Syllas Tzoumerkas
Darsteller: Angeliki Papoulia, Youla Boudali, Hristos Passalis
Länge: 121 Minuten

 




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