Drei Zinnen

Drei Zinnen, so heißt das archaische Bergmassiv in Jan Zabeils gleichnamigen Film, die Metapher für die aus drei Menschen bestehende Patchwork-Familie, deren Binnenverhältnis in diesem Metaphern lastigen Drama seziert wird. Nach starker erster Hälfte, in der die Konflikte ansprechend etabliert werden, verliert sich Zabeil bald ein wenig im Nebel seiner Geschichte. Unmittelbar und metaphorisch.

Anfangs scheint noch die Sonne, scheint das Glück noch über der dreiköpfigen Patchworkfamilie zu stehen, die aus Aaron (Alexander Fehling) besteht, einem schweigsamen Mann mit Vollbart, der Architekt sein soll, mit seinem massigen Körper aber mehr wie ein Naturbursche wirkt und damit ideal in die Bergwelt passt, die bald Schauplatz sein wird. Dort besitzt seine Partnerin eine Hütte, die sie wohl einst auch mit ihrem Ex George besuchte. Sie, die Frau (Berenice Bejo), bleibt namenlos, was durchaus bezeichnend ist, denn der Blick der Erzählung konzentriert sich schnell auf die männlichen Wesen. Neben Aaron ist das Tristan (Adrian Montgomery), der gut zehnjährige Sohn der Frau, zu dem Aaron ein liebevolles, inniges Verhältnis hat. Zumindest meistens, denn gerade in der Enge der Berghütte, wo das Trio ein paar Tage verbringen will und gemeinsam auf dem Erker schläft, wird Tristan immer mehr zum Störkörper. Auf Sex kann sich Aaron nicht konzentrieren, immer häufiger sitzt er sinnierend in der Natur, scheint seine Beziehung zur Frau zu hinterfragen, die schon zwei Jahre läuft und doch nicht über einen bestimmten Zustand hinauskommt. Sind sie eine richtige Familie, nimmt Aaron mehr und mehr die Rolle eines Ersatz- oder Zweitvaters ein? All diese Fragen schwirren im Raum, als sich Aaron und Tristan eines Morgens auf eine verhängnisvolle Wanderung begeben.
 
Schon in seinem herausragenden Debütfilm „Der Fluss war einst ein Mensch“ bediente sich Jan Zabeil der Natur als fast eigenständigen Charakter. Damals waren es die Weiten des Okavango Deltas im Süden Afrikas, in der ein Mann – ebenfalls gespielt von Andreas Fehling – sich verlor. Weitestgehend improvisiert war jener Film und auch wenn der Nachfolger nun dichter und bewusster geschrieben scheint, haftet gerade der zweiten Hälfte etwas Improvisiertes an. Was vielleicht aber auch nur ein anderer Begriff für eine gewisse Ungenauigkeit, Unbestimmtheit ist, die im scharfen Kontrast zu der so dichten ersten Hälfte steht.
 
Dort gelingt es Zabeil mit genau beobachteten Szenen, das komplexe Verhältnis einer modernen, vielsprachigen Patchwork-Familie anzudeuten, die in wechselnden Sprachen, auf Deutsch, Französisch und Englisch, kommuniziert und nicht nur dieser Vielsprachigkeit wegen bisweilen aneinander vorbeiredet. Wenig wird gesagt und wenn einmal etwas direkt an- und ausgesprochen wird, dann wird es schnell zu direkt. Da gesteht Aaron der Frau etwa unmittelbar, dass er Tristan manchmal innig liebt und manchmal wünschte, es gäbe ihn nicht.
 
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das folgende Finale, in dem Aaron und Tristan, die nur scheinbar wie Vater und Sohn sind, allein in den Bergen unterwegs sind. Langsam, ganz langsam spitzt sich der Konflikt zu, bis Zabeil ganz am Ende seines psychologischen Dramas schließlich doch noch zu einer überraschenden, wuchtigen Wendung findet. Extreme Emotionen brechen sowohl aus Aaron, als auch aus Tristan heraus, werden die meist unterschwellig ausgetragenen Konflikte zu einer physischen Auseinandersetzung auf Leben und Tod, die der Archaik der Bergwelt entspricht. Auch wenn „Drei Zinnen“ nach starkem Beginn etwas an Fahrt verliert: Ein dichtes, psychologisch genau beobachtetes Drama ist Jan Zabeil auch mit seinem zweiten Film gelungen.

Deutschland 2017
Regie & Buch: Jan Zabeil
Darsteller: Andreas Fehling, Berenice Bejo, Adrian Montgomery
Länge: 100 Minuten




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