Gundermann

Bei Andreas Dresen ist man immer „mittendrin statt nur dabei“. Im Falle von „Gundermann“ erleben wir hautnah und ungekünstelt, was es bedeutet, seine Vergangenheit zu verdrängen und was passiert, wenn sie uns über Umwege doch heimsucht. Im Mittelpunkt der Erzählung: Alexander Scheer als Liedermacher und Ex-Stasi-Spitzel Gerhard Gundermann.

Gerhard „Gundi“ Gundermann (Alexander Scheer) ahnt noch nicht, dass er später einmal einer der prägendsten Künstler der Nachwendezeit sein wird. Als er in den Achtzigerjahren mit seinen Musikern durch die Clubs tourt, ist das Geldverdienen mit seiner Musik noch nicht einmal sein Hauptanliegen. Stattdessen möchte er seine einfühlsamen, oft auf echten Erlebnissen beruhenden Texte mit der Welt teilen. Seine Brötchen verdient er sich dagegen als Baggerfahrer. Als er eines Tages gezwungen ist, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, wird er unsanft an seine Vergangenheit als Stasi-Spitzel erinnert. Das erschüttert nicht nur Gundis Vertrauen in sich selbst, der sich bis zu seinem frühen Tod mit nur 43 Jahren nie verzeihen wird, was er getan hat. Vor allem stellt ihn das vor die Frage nach dem „Warum?“, die er nicht beantworten kann und von der er hofft, dass sein Umfeld aus Freundin Conni (Anna Unterberger) und seiner Band ihm diese nicht stellt…

Regisseur und Drehbuchautor Andreas Dresen fordert sein Publikum immer wieder heraus. Er konfrontierte es mit der Frage, was wirklich passiert, wenn in einer Familie die Diagnose Krebs fällt („Halt auf freier Strecke“), er blickte freimütig in die Schlafzimmer der Generation 60 plus („Wolke Neun“) und in seiner bislang wohl zugänglichsten Arbeit adaptierte er James Krüss‘ generationenübergreifend bekannte Gesellschaftsparabel „Timm Thaler“ neu. In „Gundermann“ befasst er sich nun mit der bislang wenig bekannten Geschichte des Weimarer Liedermachers Gerhard Gundermann, der lange Zeit als Sprachrohr der Menschen im Lausitzer Braunkohlerevier galt; nicht zuletzt, weil er selbst dort arbeitete. Schon damals und insbesondere nach der Wende äußerte sich Gundermann immer wieder systemkritisch. Eine seiner Facetten, der sich schon Richard Engel in seinem Dokumentarfilm „Gundi Gundermann“ ausführlich annahm. Dresen wendet nun 126 Minuten auf, um das kontrastreiche Bild einer Person zu zeichnen, die sich gleichermaßen stark und zerbrechlich gab, deren melancholische Texte die angestaute Wut über die Welt verbargen und die bis zuletzt hinter ihren damals als kontrovers angesehenen Überzeugungen stand, die mitunter als das Auflehnen gegen ein menschenfeindliches System ausgelegt wurden. Dass Dresen zwischen so viel Pessimismus in einer ungeschönten Realität die Poesie in Gundermanns Texten nicht unberücksichtigt lässt, macht das romantisch-dramatische Biopic in seinem Facettenreichtum so sehenswert.

Die ausführlichen Gesangseinlagen Gundermanns entfalten die Wirkung eines erzählerischen Leitfadens; mal lässt sich der Bezug zwischen Text und Ereignis direkt feststellen, ein anderes Mal wiederum dauert es etwas, bis man erkennt, woher Gundermann die Fantasie für das nahm, was er auf der Bühne von sich gab. Seine Stücke sind in etwa vergleichbar mit jenen eines Reinhard May; sie stecken voller Poesie, voller Details und sind die Antithese zu den austauschbaren Heile-Welt-Songs von modernen Singer-Songwritern wie etwa Max Giesinger einer ist. In Gerhard Gundermanns Stücken ging es noch um etwas. Sie waren Anklage und Beobachtung in einem, überschwänglich fröhlich, tieftraurig ehrlich. Die bisweilen vollständig (und unplugged) vorgetragenen Songs sind das Herzstück von „Gundermann“, der sich wie ein verfilmtes Best-Of-Album anfühlt und doch so viel mehr erzählt. Denn um die Lieder herum kreiert Drehbuchautorin Laila Stieler („Wolke Neun“) behutsam die tragische Geschichte des Interpreten, die vor allem auf einem baut: Verdrängung. Das Aufbrechen des vermeintlichen Unwissens (so ganz klar wird nicht, ob Gerhard Gundermann seine Zeit als Stasi-Spitzel tatsächlich verdrängt hat, oder ob er aus Verzweiflung nur sehr gut darin war, ebendies zu behaupten) geht hier Hand in Hand mit der Beziehung zwischen dem Musiker und der Liebe seines Lebens: Conni, gespielt von der optisch stark an Alicia Vikander erinnernden Anna Unterberger („Elser“), die in der Rolle nicht bloß Gundi um den Finger wickelt.

„Gundermann“ springt zwischen zwei verschiedenen Zeitebenen hin und her. Da ist zum einen das Hier und Jetzt Mitte der Achtzigerjahre, als Gundermann sich erstmals mit seiner Stasi-Vergangenheit auseinandersetzen muss. Zum anderen geben kurze Rückblenden Einblicke in die Zeit, als Gundi dem Ministerium für Staatssicherheit angehörte. Das sind lediglich Randbemerkungen, die es aber braucht, um ein Gefühl dafür zu geben, in welcher Verfassung Gundi zum damaligen Zeitpunkt war. Viel ausgefeilter und intensiver gerät letztlich die Aufarbeitung. Schließlich folgt auf die eigene Erkenntnis die Frage danach, wie man sein Umfeld über seine Vergangenheit informiert; und ob es das überhaupt braucht. Alexander Scheer („Gladbeck“) ist als Gerhard Gundermann kaum wiederzuerkennen, agiert allerdings überragend. Sein Hin- und Hergerissen sein zwischen Unsicherheit und Bekenntnis wirkt nie widersprüchlich und lässt den Zuschauer glaubhaft an dem inneren Zwiespalt seiner Figur teilhaben. Für diverse kleine bis mittelgroße Nebenrollen verpflichtete Dresen zusätzlich bekannte Gesichter, darunter Bjarne Mädel („1000 Arten den Regen zu beschreiben“), Milan Peschel („Der Hauptmann“), Axel Prahl („Tatort“) und Alexander Schubert („Vorwärts immer!“), die sich in dem authentischen Achtzigerjahre-Setting zwischen Kohlebergwerk, sterilen Büroräumen und detailgetreu eingerichteten Wohnungen wie selbstverständlich bewegen.

DE 2018
Regie: Andreas Dresen
Darsteller: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Alexander Schubert
Länge:  128 Minuten

 

 




Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Akzeptieren