Habemus Papam

Was wäre, wenn ein zum Papst gewählter Kardinal Zweifel an seiner Berufung hätte? Aus dieser Idee entwickelt Nanni Moretti seinen neuesten Film, der zwar mit Respekt aber vor allem viel Ironie hinter die Kulissen des Vatikans und der Papstwahl blickt. In der Hauptrolle brilliert Michel Piccoli als nachdenklicher Kardinal, der sich sein Leben ganz anders vorgestellt hatte.

Die Wahl des Papstes, die Versammlung von Kardinälen hinter den verschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle, deren Erfolg durch weißen Rauch kundgetan wird, ist eine jener uralten, auch den Außenstehenden faszinierenden Traditionen. Was hinter den Türen passiert dringt seltener nach außen als die geheimen Beratungen einer Filmfestivaljury oder der Gespräche im Büro des amerikanischen Präsidenten. Ob ein gewählter Papst vor dem Amt zurückschreckt, ob er von seinen Brüdern gedrängt werden muss? Man erfährt es nicht. Diese Ungewissheit, die Verschwiegenheit des Vatikans, der Gerüchte für gewöhnlich noch nicht einmal dementiert, sind gefundenes Fressen für einen so ironischen Autor und Regisseur wie Nanni Moretti. Zuletzt hatte der Italiener eine böse Satire über das Italien unter Silvio Berlusconi gedreht, nun also ein Film über die Kirche.

Doch „Habemus Papam“ ist keineswegs eine schonungslose Kritik an der katholischen Kirche, ihren Intrigen und Skandalen, die man von dem bekennenden Linken Nanni Moretti erwarten könnte. Zwar forderten Teile der Kirche – wie nicht anders zu erwarten – zum Boykott des Films auf. Wenn sich die Geistlichen allerdings die Mühe gemacht hätten, den Film vor ihren reflexhaften Beschwerden erst einmal anzuschauen, hätten sie zu dem Schluss kommen müssen, dass Moretti seine Hauptfigur, den Kardinal Melville, mit erstaunlicher Wärme und Menschlichkeit porträtiert.

Was vor allem der subtilen Darstellung Michel Piccolis zu verdanken ist, der seine Figur mit Nachdenklichkeit und Selbstreflexion ausstattet, die man an Kardinälen und Päpsten abseits der Leinwand gerne häufiger bemerken würde. Diesem Melville fällt aus heiterem Himmel das Amt des Papstes in den Schoss, nachdem sich die Konklave nicht auf die Wahl eines der Favoriten einigen konnte. Doch Melville hat Zweifel, ob er das bedeutendste Amt der Christenheit auch ausfüllen kann – und verweigert sich. Kurz vor dem Auftritt auf dem Balkon bricht er zusammen und zieht sich auf sein Zimmer zurück.

Zunächst bietet dies Moretti Anlass für ironische Volten. Er selbst mimt einen Psychiater, der den Papst analysieren soll, was umso schwerer fällt, als ein privates Gespräch unmöglich ist. Und während die restlichen Kardinäle der Enklave (die den Vatikan nicht verlassen dürfen, bis der neue Papst bekannt gegeben ist), sich die Zeit mit Kartenspielen und Volleyball vertreiben, gelingt Melville die Flucht aus den heiligen Hallen. Unerkannt streift er durch das nächtliche Rom, trifft auf eine Truppe von Schauspielern und versucht sich in Erinnerung zu rufen, warum er einst die Laufbahn eines Kirchenmanns einschlug.

Bisweilen wirkt „Habemum Papam“ wie eine Idee für einen Kurzfilm, einen Sketch, der auf Spielfilmlänge ausgedehnt wurde. Dass zudem jener Biss fehlt, die Morettis stärkste Filme auszeichnen, würde ihn zu einem sehr schön ausgestatteten, aber letztlich doch harmlosen Film machen, wenn Moretti nicht Michel Piccoli für die Hauptrolle gewonnen hätte. Der spielt in seinem circa 200. Film mit solcher Subtilität, versteht es seine Figur mit solcher Vielschichtigkeit und Wärme auszustatten, dass auch die eher undramatische Geschichte nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Dass Moretti vermeidet, kritische Position gegenüber der katholischen Kirche zu beziehen mag man bedauern, ein amüsanter, für seine Verhältnisse sehr sanfter Film, ist ihm mit „Habemum Papam“ dennoch gelungen.

Italien 2011
Regie: Nanni Moretti
Buch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Federico Pontremoli
Darsteller: Michel Piccoli, Nanni Moretti, Jerzy Stuhr, Renato Scarpa, Franco Graziosi, Camillo Milli
Länge: 110 Minuten




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