Haus Tugendhat

Es ist auf den ersten Blick nur die Geschichte eines außergewöhnlichen Bauwerks. In Wahrheit ist Dieter Reifarths Dokumentarfilm über den Bau von Mies van der Rohe aber so episch und spannend wie ein Entwicklungsroman, der ein ganzes Jahrhundert umspannt. „Haus Tugendhat“ handelt nicht nur von der gleichnamigen Avantgarde-Villa, die 1928 im tschechischen Brno gebaut wurde, sondern primär von der schicksalsträchtigen Geschichte der jüdischen Familie Tugendhat, die zunächst vor den Nazis nach Südamerika floh und bis heute um ihr Haus kämpft, das über die Jahrzehnte zum Schauplatz historischer Entscheidungen wurde.

Es thront inmitten einer einfachen Wohnsiedlung. Majestätisch, herrschaftlich, aber nicht pompös, sondern streng und kühl. Wer sich dem Haus Tugendhat von der Straße aus nähert, nimmt außer einer Garage und der Eingangstür mit sonderbarer Rundverglasung nichts Außergewöhnliches wahr, denn das Gebäude ist abschüssig auf den Hang gebaut. Sein wahres Wesen erschließt sich einem nur von der anderen Seite oder besser noch: Wen man drinnen durch die Räume wandert und staunt. Große Glasfronten, üppige Zimmer, eine kostbare Onyx-Wand und überall strenge und klare Linien. Durch ein spezielles Belüftungsprinzip können verschiedene Duftaromen den Zimmern zugeführt werden. Ein unwirkliches Haus, das eher einem Raumschiff ähnelt und viele Besucher verstört, als es 1930 fertig gestellt ist. Die meisten empfinden dieses Eigenheim als kühl und aggressiv, nicht wenige als Provokation. Darin leben? Niemals.

Doch die wohlhabenden deutsch-jüdischen Auftraggeber Fritz und Grete Tugendhat sowie ihr Architekt Mies van der Rohe verwirklichen damals ihren sozialutopischen Anspruch, den sie von Le Corbusier übernommen haben: Architektur soll nicht nur neue Lebensräume, sondern gar einen neuen Menschen schaffen. Eine Idee, die wenige Jahre später auch die Nazis für sich interpretieren: Das Haus wird im Zweiten Weltkrieg zweckentfremdet, während die Großfamilie Tugendhat zunächst in die Schweiz flüchtet und sich später nach Venezuela absetzt. Regisseur Dieter Reifahrt fokussiert sich nach einer stark architektur-theoretischen Einführung von hier ab auf die Familiengeschichte und die subtilen Konflikte der Tugendhats zwischen Entfremdung, Sprachbarrieren in Südamerika und dem Wissen, Zuhause ein Jahrhundertbauwerk zurückgelassen zu haben, das zum Spielball der Mächtigen geworden ist – und viele Jahre später zum UNESCO-Weltkulturerbe werden soll. 

Chronologisch arbeitet sich Reifahrth durch die Jahrzehnte und lässt in Interviews sowohl die (mittlerweile) ergrauten Tugendhat-Kinder zu Wort kommen, als auch viele der späteren Bewohner oder Besucher, die von der Aura des Hauses verzaubert sind. Die Dokumentation schildert auch auf fesselnde Weise den jahrzehntelangen Kampf um das umstrittene Haus, das nach den Zweiten Weltkrieg den Kommunisten in die Hände fällt und fortan für rhythmische Sportgymnastik, Rückenschulen und viele Jahre später gar für Werbeaufnahmen oder Seifenopern benutzt wird. Spektakulär wird es 1993, als man im Garten des Hauses die Trennung der Tschechoslowakei besiegelt. Es ist dabei stets der überstrahlende Mythos des Haus, den der Film mit dem Gefühl von „Heimat“ abgleicht. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Elternhaus zum Prestigeobjekt oder gar zum öffentlichen Raum wird? Wie entwurzelt und entfremdet ist die Tugendhat-Familie heute noch?

Der Film liefert darauf eine Reihe von Antworten, die gleichzeitig auch das bewegende Porträt einer Familie sind. Als im Sommer 2012 das Haus zum ersten Mal komplett restauriert wurde und die Tugendhats an ihre einstige Wirkungsstätte zurückkehren, ist dies nicht nur ein bewegender Moment, sondern auch ein Augenblick der Einkehr und der Ruhe. Vielleicht auch der Vergebung.

Deutschland 2013
Regie: Dieter Reifarth
Länge: 116 Minuten




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