Moonlight

„Oscar so White“ hieß es Anfang des Jahres noch, als kein schwarzer Schauspieler oder Regisseur nominiert war. Nächstes Jahr wird das anders sein, Barry Jenkins Drama „Moonlight“ gilt als einer der Favoriten für Trophäen, ist aber vor allem eins: Ein bildgewaltiger Film, der mit Homosexualität in der schwarzen Bevölkerung ein heißes Eisen auf berührende, subtile Weise angeht.

Im ersten Kapitel des Films heißt er noch Little, der neunjährige Chiron (Alex Hibbert), der in Miami aufwächst, als einziges Kind bei seiner Mutter Paula (Naomie Harris), die Crack raucht, wechselnde Männerbekanntschaften hat und wenig begeistert ist, als ausgerechnet der Dealer Juan (Mahershala Ali), ihren Sohn unter seine Fittiche nimmt. Denn Chiron wird nicht umsonst Little, also klein, genannt, er ist schmächtig, fast feminin, weswegen er im rauen Klima des Ghettos als schwul beschimpft wird.
 
Auch als gut 17jährigen (jetzt gespielt von Ashton Sanders), hat sich wenig an seiner Situation geändert: Seine Mutter versinkt immer mehr in der Sucht, seine Ersatzvater Juan ist ermordet worden, in der Schule ist allein der gleichaltrige Kevin sein Kumpel, mit dem er eines Abends seine erste homosexuelle Erfahrung macht. Doch nach einer besonders üblen Attacke in der Schule, hat Chiron genug und schlägt zurück.
 
Gut zehn Jahre später ist Chiron aus dem Gefängnis entlassen und selbst Dealer geworden. Er wird nur Black gerufen (Trevante Rhodes), ist muskulös, fährt ein teures Auto und hat seine Vergangenheit scheinbar hinter sich gelassen, doch wohin seine Zukunft führen soll, weiß er nicht.
 
Klassische Muster des amerikanischen Independentkinos dekliniert Richard Jenkins in seinem zweiten Spielfilm (sein Debüt „Medicine for Melancholy“ kam in Deutschland nicht ins Kino) durch und scheint dabei lange einer fatalistischen Weltsicht zu folgen: Hoffnungslos wirkt sein Blick auf das Leben in der ärmlichen Gegend, in der vor allem Schwarze leben, die meisten Kinder ohne Vater bei ihrer Mutter aufwachsen, Drogen allgegenwärtig sind und es kaum einen Weg zu geben scheint, dem Kreislauf zu entgehen. Andererseits ist dieser Blick nicht unbedingt fatalistisch, sondern für weite Teile der schwarzen Bevölkerung Amerikas traurige Realität. Auch wenn nur etwa 12 % der amerikanischen Bevölkerung Schwarze sind, machen sie 37% der Inhaftierten aus. Ein schwarzes Kind, das heute geboren wird, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 3 im Gefängnis landen. Die Hoffnungslosigkeit, die solche Zahlen ausdrücken, prägt auch Jenkins Film, der in gewisser Weise kein Klischee auslässt, diese aber durch das Thema Homosexualität quasi unterläuft.
 
Besonders gewagt ist das, da gerade die schwarze Kultur, vor allem die inzwischen landesweit dominierenden Musik-Stilrichtungen Hip-Hop und R'n'B von Machoattitüden geprägt und oft kaum verhohlen homophob sind. Dieser Tendenz setzt Jenkins ein Narrativ entgegen, dass nur ganz vorsichtig angedeutet werden muss, um seine geradezu subversive Qualität zu entfalten. Kaum mehr als einen Kuss und eine Umarmung zeigt Jenkins, doch die zarte Andeutung einer Romanze reicht aus.
 
Radikal in seinem erzählerischen Ansatz, brillant inszeniert und tief berührend: Egal ob „Moonlight“ Ende Februar Oscars gewinnt oder nicht, ein Highlight des Kinojahres ist Barry Jenkins Drama in jedem Fall.

USA 2016
Regie: Barry Jenkins
Buch: Barry Jenkins & Tarell Alvin McCraney
Darsteller: Mahershala Ali, Naomie Harris, Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Jharrel Jerome
Länge: 111 Minuten




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