Nuestro Tiempo

Kinder spielen am Strand eines lehmbraunen Tümpels – die Jungs überfallen die Mädchen, die draußen in einem Schlauchboot dösen. Um die Ecke, am Strand, haben sich die Teenies versammelt. Sie kiffen und erzählen sich Geschichten. Ein Pärchen hat sich von den anderen getrennt und schmust, ein anderes scheint sich gerade zu finden. Offenbar sollen die Älteren auf die Kleinen aufpassen, was nicht so richtig zu funktionieren scheint. Die Kids, Jungen wie Mädchen, haben sich derweil wieder beruhigt und dümpeln friedlich gemeinsam im Schlauchboot. Am Funkgerät meldet sich eine Mutter. Ein schöner, heißer Sommertag …
 
Carlos Reygadas lässt sich viel Zeit für seine Exposition. Doch scheinbar beiläufig etabliert er schon hier sein Thema: Liebe, Lust und Eifersucht. Ester ist die Mutter mit dem Funkgerät, sie lebt mit ihrem Mann glücklich und zufrieden auf einer Farm in Mexiko. Juan ist ein erfolgreicher Schriftsteller, Ester leitet die Farm und hat sowohl das Familienleben als auch den Betrieb fest im Griff. Auf den ersten Blick scheint alles geregelt, doch Ester verliebt sich in Phil, einen Freund der Familie. Und auch wenn Juan sie sogar noch darin bestärkt, sich Phil hinzugeben, muss er sich seiner wachsenden Eifersucht stellen. Das Konstrukt einer idealen Paarbeziehung gerät ins Wanken.
 
Knapp drei Stunden Laufzeit lassen die im Grunde recht kleine Geschichte zu einem epischen Werk wachsen. Das liegt an den grandiosen Bildern und an dem fein ziselierten, kunstvoll gewundenen Drehbuch, das an einen besonders schönen Flickenteppich erinnert. Carlos Reygadas entfaltet seine Geschichte in sehr langen Einstellungen und in subtilen Symbolen. Wenn er einen Stier zeigt, dann niemals direkt im Zusammenhang mit Sex, auch wenn die Assoziation offensichtlich ist. Reygada lässt es gemächlich angehen. Nach 20 Minuten ist immer noch nicht klar, wovon der Film handelt oder wohin die Reise gehen soll, aber das Auge kann sich gar nicht sattsehen an den Bildern der jungen Leute, die scheinbar ungezwungen rund um den gelbbraunen Stausee spielen und miteinander schon im Kleinen das einüben, woran die Erwachsenen später leiden. Reygadas eigenwilliger Stil, eine Mischung aus zarter Poesie und intellektueller Auseinandersetzung, ist vermutlich mit voller Absicht eine Absage an den Machismo. Er spielt den Juan selbst und macht aus ihm einen sehr klaren, stillen Mann, der zur Selbstreflexion neigt. Im Zentrum der Geschichte steht Ester, im Leben wie im Film Reygadas Ehefrau, Natalia López. Sie ist handfest, mehr Cowboy als Lady, eine taffe Frau, deren Verletzungen erst im Lauf des Films ans Tageslicht kommen. Juan muss schmerzlich erfahren, dass man Liebe, Intimität und Hingabe nicht erzwingen kann. Ob und inwieweit hier tatsächlich autobiografische Erfahrungen eine Rolle spielen, ist im Grunde unwichtig. Ob Autofiktion oder nicht: Diese Geschichte in großen Bildern ist vor allem eine Entdeckungsreise in Gedankenlandschaften.

Mexiko/Frankreich/Deutschland/Dänemark/Schweden 2018
Drehbuch und Regie: Carlos Reygadas
Darsteller: Carlos Reygadas, Natalia López, Phil Burgers, Yago Martinez, Eleazar Reygadas, Rut Reygadas
Länge: 175 Minuten




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