Photograph

Beide sind jung, beide sind modern, beide leben in Mumbai, aber die Gegensätze zwischen Rafi und Miloni könnten kaum größer sein: Er kommt vom Lande, lebt mit anderen Männern zusammen in einer winzigen Slumhütte und versucht sich als Touristenphotograph am „Gateway of India“, einer bekannten Sehenswürdigkeit, zu behaupten. Mit dem Geld, das er verdient, unterstützt er seine Familie in der Provinz, vor allem die Großmutter, die ihn dazu drängt, endlich zu heiraten. Schließlich greift sie zum letzten Mittel: Sie droht damit, ihre Medikamente abzusetzen, wenn er nicht endlich eine Frau präsentiert. Um sie zu beruhigen, schickt er ihr das Foto eines Mädchens, das er zufällig aufgenommen hat, und gibt vor, das sei seine Verlobte. Freudig kündigt die Großmutter darauf ihren kurzfristigen Besuch in Mumbai an. Rafi stehen harte Zeiten bevor: Er muss die junge Frau finden, sie überreden, ihm zu helfen, und er muss den Verliebten mimen. Tatsächlich findet er Miloni, und tatsächlich ist sie bereit, die Verlobte zu spielen. Aber damit fängt die Geschichte erst an …
 
Ritesh Batra verknüpft auch in seinem zweiten Kinofilm märchenhafte Elemente mit dem Realismus der Gegenwart. Dabei mischt er immer ein bisschen Nostalgie unter die Wirklichkeit: Das alte Mumbai – und damit ist die Stadt vor ca. 30 Jahren gemeint – wird spätestens dann zum Erinnerungsort, wenn Rafi auf die Spur der legendären Campa Cola geht, um Miloni einen Gefallen zu tun. Dass Rafi als Photograph arbeitet, zeigt, wie sehr er sich in der Vergangenheit verwurzelt fühlt, aber auch seine Neigung, den Moment festzuhalten und ihn damit immer wieder abrufbar zu machen. Hier spricht dann sicherlich auch der Filmemacher selbst. Doch die Erinnerungen erstrecken sich mehr auf Äußerlichkeiten als auf Werte. Das merkt Rafi spätestens, wenn ihm klar wird, dass seine wachsende Liebe zu Miloni immer noch von Vorurteilen überlagert wird. Sie ist die schöne, reiche Prinzessin, der mindestens ein Königssohn zusteht. Rafi ist nichts, hat nichts und kann nichts – im Gegenteil: Er zahlt Schulden ab, die nicht einmal auf sein Konto gehen, sondern die sein Vater zu verantworten hat. Die indische Gesellschaft wird noch immer vom Kastendenken und vom Einfluss der Familie bestimmt, und das bedeutet für jede Beziehung eine besondere Herausforderung, die sich nicht so leicht bewältigen lässt. Schon gar nicht durch das simple „Aber wir lieben uns doch“. Auch in dieser Hinsicht erweist sich Miloni als der vernünftigere Teil des Paares.
 
Das Tempo des Films ist beinahe gemächlich. Ritesh Batra lässt sich Zeit, seine Charaktere zu etablieren und ihnen einen glaubwürdigen Hintergrund zu geben. Das gelingt ihm beinahe ohne Worte und in teilweise feinen Andeutungen. Für Miloni (ruhig und mit Köpfchen: Sanya Malhotra) entwirft Ritesh Batra eine komplexe Frauenfigur, die angenehm klischeefrei daherkommt. Miloni ist eine nachdenkliche, junge Dame, für die alles von der Familie vorherbestimmt ist: Studium, Beruf, Ehemann, Zukunft – alles scheint festzustehen, sogar ihr Tagesablauf, sie hat nichts zu sagen und ist die geborene brave Musterschülerin und Mustertochter. Wenn Rafi sie anspricht und sie darum bittet, seiner Großmutter die Verlobte vorzuspielen, dann trifft er damit auch einen Nerv: Endlich kann sie mal ausbrechen! Dass und wie sie sich gegen ihr Schicksal wehrt, zeugt von Klugheit und Taktgefühl, aber auch von einer gewissen Aufmüpfigkeit, die Rafi (Nawazuddin Siddiqui) fernliegt. Er ist der Romantiker von beiden. Sein Mumbai ist ein zu groß geratenes Dorf. Es scheint, als würde ihn jeder hier kennen, zumindest kennen alle seine Großmutter. Farrukh Jaffar spielt sie dann mit großer Hingabe und viel Witz genauso, wie sie angekündigt wird: als ebenso herzliche wie energische Mater familiae, ein goldiges Monster, eine liebenswürdige Krake, deren Arme Tausende von Kilometern weit reichen. Ihre Persönlichkeit überstrahlt alle anderen, und die lassen sich das gern gefallen. Auch der zweite Sidekick in diesem Film ist eine schauspielerische Glanzleistung: Milonis einzige Vertraute, die Hausangestellte Rampyaari, verkörpert Geetanjali Kulkarni sehr still und sehr beeindruckend.
 
Wie schon in seinem Kinodebüt „LunchBox“ ist Ritesh Batras Love Story auch diesmal eher bittersüß als zuckrig, nahezu kitschfrei und eher humorvoll als witzig. Die Geschichte lebt von ruhigen Beobachtungen und leisen Zwischentönen, die das moderne Märchen zum kurzweiligen Kinoerlebnis machen.

Indien, Deutschland, USA 2019
Drehbuch und Regie: Ritesh Batra
Darsteller: Sanya Malhotra, Nawazuddin Siddiqui, Denzil Smith, Akash Sinha, Saharsh Kumar Shukla, Farrukh Jaffar
110 Minuten




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