Schwarze Milch

Eine Hommage an die menschlichen Instinkte, diese Intention liegt dem zweiten Spielfilm der in der Mongolei geborenen und seit ihrem vierten Lebensjahr in Deutschland lebenden Filmemacherin Uisenma Borchu zugrunde. Sie selbst spielt die Hauptfigur Wessi, die sich beim Besuch in der Jurte ihrer Schwester Ossi Klarheit über ihre Wurzeln und ihre kulturelle Identität verschaffen möchte, in der Konfrontation mit den Traditionen und Mythen des Nomadenlebens aber distanziert und skeptisch bleibt. Hinterfragt wird dabei auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft – sei es der im modernen Westen oder der archaischen Lebenswelt der Steppe.

„Muss das Gedudel sein?“ Ein genervter Franz Rogowski macht in der in einer deutschen Großstadtwohnung spielenden Eingangssequenz, die unterlegt ist von folkloristischen Klängen, schnell klar, dass die Paarbeziehung mit Wessi (Uisenma Borchu) alles andere als harmonisch sein und die Frau am ehestens noch für den schnellen Lustabtrieb zu gebrauchen sein dürfte. Von Anerkennung und Liebe ist hier nichts zu spüren, eher stehen Besitzansprüche, uneingelöste partnerschaftliche Vorstellungen und Rollenmuster zur Disposition, und so macht Wessi endlich wahr, was sie schon länger vorhatte: sie besucht ihre als Nomadin in der mongolischen Steppe lebende Schwester Ossi, auch um herauszufinden, was sie selbst noch verbindet mit der Heimat ihres Geburtslandes.

Bald sitzt sie also mit der Familie ihrer Schwester, deren Stiefvater und Nomadennachbarn im Jurtenrund und verspürt ein schönes Gefühl von Gemeinschaft. Sie sucht nach Verbindungen zu ihrer Schwester, versucht sich einzubringen ins Leben einer Hirtin und Bäuerin, findet aber nicht die Akzeptanz und auch nicht den Zugang zu diesem sehr einfachen, anderen Leben. Umso mehr fühlt sie sich angezogen vom praktisch veranlagten und hilfsbereiten Einsiedler Terbisch, den die Nomadengemeinschaft indes für einen komischen Kauz hält und die Wessi warnt, sich mit ihm einzulassen. Sie tut es doch, teilweise auch in ihrer Phantasie, wo sie ihm dann ganz besonders nahe ist und Dinge tut, die ihr das Unterbewusstsein diktiert.

So sinnlich solche Passagen sind, so tief die Begegnung mit der eigenen Weiblichkeit, so brutal tritt mit einem nächtlichen Gast übergriffiger Besuch ins Nomadenzelt. Die Steppenidylle nebst selbstverständlicher Gastfreundschaft zu scheinbar jeder Tages- und Nachtzeit zeigt da plötzlich ihre hässliche Fratze. Groß reflektiert wird das für beide Schwestern traumatische Ereignis nicht, eine Leerstelle bleibt auch ihrer beider familiäre Vergangenheit (einmal ist kurz ein Foto der Familie in Berlin zu sehen) eine Leerstelle. „Meine Erde war nicht Deine Erde, meine Luft nicht Deine Luft“, stellt Ossi fast vorwurfsvoll fest, worauf Wessi mehr fragend als ihrer Meinung sicher entgegnet, „unser Herz ist doch eins?“.

Ja, die Unterschiede sind definitiv groß, insbesondere, wenn es um den Ablauf, den Glauben und die Bedeutung von Ritualen geht oder festgestellt wird, dass eine Mongolin, auch wenn sie in der Steppe lebt und ständig mit dem Tod ihrer Herdentiere konfrontiert ist, nicht schlachtet. Die westlich emanzipierte Frau und ihre Erfahrungen und Vorstellungen persönlicher Freiheit lassen sich offenbar nicht so ganz in Einklang bringen mit der Lebensweise ihrer patriarchale Strukturen als selbstverständlich nehmenden Schwester.

Auch wenn das mit überwiegend Laiendarstellern besetzte Steppendrama aufgrund des persönlichen Hintergrundes von Filmemacherin und Hauptdarstellerin Uisenma Borchu teilweise biografische Züge trägt und individuelle Gefühlswelten sich offenbaren, so bleiben die Figuren auf der Leinwand dennoch distanziert, so sehr die Kamera von Sven Zellner ihnen auch nahekommt. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass Borchu zwar ihren Instinkten folgt, diese filmisch jedoch eher nur andeutet denn tiefergehend ergründet. Die Spannungsfelder von sexueller Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Konventionen, das Motiv der Suche nach Heimat und Geborgenheit werden von ihr idealisiert. Dazu trägt auch bei, dass die Mongolei hier einmal mehr als exotischer Lebensraum vorgeführt wird – in durchaus schönen Bildern der weiten Natur, die auf die Hauptfigur paradoxerweise erdrückend wirkt.

Die Erklärung für den Titel des Films liefert Borchu im Kontext der Jahrhunderte alten Tradition von Weidewirtschaft in der ostasiatischen Steppe. Sich in Milch baden wir einst die ägyptische Königin Cleopatra wäre dort als Sünde erachtet worden. Gleichwohl geht es in einer kurzen Szene des Films um die Schönheit und Beschaffenheit von Haut und das, was die Arbeit bei Wind und Wetter in der Natur mit ihr macht. In Borchus von Symbolen und Tabus handelndem Film steht schwarze Milch für die Kraft der Milch in der Brust einer Frau – einer Kraft, die von der Gesellschaft gerne übersehen wird.

Deutschland/Mongolei 2020
Regie: Uisenma Borchu
Darsteller: Uisenma Borchu, Gunsmaa Tsogzol, Terbish Demberel, Franz Rogowski u.a.
Länge: 91 Minuten




Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Akzeptieren