Shoplifters

Bei seinem siebten Streich in Cannes hat es für Hirokazu Kore-eda geklappt: Die Goldene Palme für sein großartig sensibles Drama „Shoplifters“. Wie so oft geht es dem japanischen Meisterregisseur um Familie und gesellschaftliche Außenseiter. Ein Ladendieb und eine Arbeiterin finden nachts auf der Straße ein vernachlässigtes Mädchen und nehmen es spontan bei sich auf. Kleine Leute mit großem Herzen demonstrieren wie Würde geht und Solidarität - just in jenem Japan, wo gnadenloser Konkurrenzkampf und rigoroser Leistungsdruck das Leben beherrschen. Ein berührendes Lehrstück in Humanismus und Nächstenliebe - ganz ohne Zeigefinger oder moralinsaure Predigt. Premierminister Shinzo Abe wollte dem Regisseur nicht zur Palme gratulieren. Das übernahm das Volk und bescherte dem Drama das beste Kassenergebnis eines japanischen Films in diesem Jahr.

Sie sind eingespieltes Team. Vater und Sohn baldowern beim gemeinsamen Laden-Diebstahl im Supermarkt geschickt aus, wie die Einkaufsliste lässig für lau abgehakt werden kann. Als raffinierte Mini-Meisterdiebinnen erweisen sich auch die beiden kleinen Mädchen im Angler-Geschäft: Sie ziehen einfach kurz den Stecker der Diebstahlsicherung an der Ladentür und haben die fette Beute am Haken. Der Erlös beim Hehler wird die Patchwork-Familie einige Tage über die Runden kommen.
 
Der kleine Clan um den Bauarbeiter Osamu lebt dicht gedrängt im Häuschen von Großmutter Hatsue. Sechs Menschen aus drei Generationen, die nicht unbedingt miteinander verwandt sind aber bedingungslos zusammenhalten. „Familie geht durch Herz und Magen, nicht durchs Blut“ heißt es einmal über diese Wahlverwandtschaften. Nach diesem Prinzip handeln Osamu und seine Partnerin Nobuyo auch, als sie nachts auf dem Heimweg auf das kleine Mädchen Yuri treffen. Spontan retten sie die Kleine vor der Kälte und nehmen sie mit nach Hause. Eigentlich soll das Mädchen am nächsten Morgen wieder zu ihrer Familie zurück. Allerdings deuten nicht nur die Spuren von Misshandlungen auf üble Rabeneltern hin. Kurzerhand wird Yuri einfach als zusätzliche Tochter aufgenommen.
 
Mit großer Fürsorge und selbstverständlicher Herzlichkeit kümmern sich alle um die Kleine. Zum ersten Mal erlebt die Vierjährige beim gemeinsamen Ausflug das Meer. Zugleich muss Yuri beim Lebensunterhalt mithelfen. Während die Erwachsenen durch Bügeljobs oder als Sexarbeiterinnen ein paar Yen bekommen, übernehmen die Kids die kleineren Ladendiebstähle. In einer ebenso überraschenden wie höchst emotionalen Szene werden die zwei Kinder von einem Kioskbesucher beim Klauen erwischt. Statt die Polizei zu rufen, schenkt der Alte den Kids ein paar Süßigkeiten mit der Ermahnung, der Bruder möge seine kleine Schwester nicht mehr zum Stehlen anstiften.
 
Die kleine Idylle wird bald durch dramatische Ereignisse erheblich ins Wanken gebracht. Die Medien melden plötzlich eine Kindsentführung. Eine Flucht einer ertappten Diebin hat fatale Folgen. Die Polizei taucht auf und mit ihr eine Kette vieler Probleme.
 
Wie üblich erweist sich der langjährige Dokumentarfilmer Hirokazu Kore-eda („Like Father, Like Son“) als genauer Beobachter, der seine Figuren mit psychologischer Präzision entwickelt und behutsam ihre Geschichten erzählt. Eine Story wie diese, zumal mit kleinen Kindern, könnte leicht zum Sozialkitsch oder Armutsporno mutieren. Diese Gefahr besteht bei dem japanischen Meisterregisseur zu keiner Minute. Bereits bei den ersten Bildern bekommt man das sichere Gefühl: Hier stimmt einfach alles. Der Eindruck trügt nicht, sondern er trägt bis zum Abspann. Die gekonnte Empathie-Offensive lässt den Zuschauer schnell zum mitfühlenden Komplizen dieser Außenseiter werden. Die mögen Kleinkriminelle, Kindesentführer oder Pensionsbetrüger sein („Großmutter ist toll, sie hilft uns auch noch nach ihrem Tod.“). sein. Aber bekanntlich kommt erst das Fressen, dann die Moral.
 
Die Bügelfrau verliert ihren Job, der Bauarbeiter nach einem Arbeitsunfall seine Lohnfortzahlung. Die Würde jedoch lässt man sich aller prekären Bedingungen zum Trotz nicht nehmen. Ebenso wenig wie die Zärtlichkeit im Umgang miteinander. Sei es beim gemeinsamen Kichern über den ersten Zahnausfall. Oder beim einfühlsamen Aufklärungsunterricht für den Teenager am Strand.
 
Für Jury-Chefin Cate Blanchett war die Goldene Palme eine klare Sache: „Das war einer der ruhigsten, liebenswertesten und emotionalsten Filme in diesem Wettbewerb“ - mit diesem Urteil stand sie gewiss nicht allein.

Japan 2018
Regie: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Lily Franky, Sakura Ando, Mayu Matsuoka, Kilin Kiki, Kairi Jyo
Filmlänge: 121 Minuten




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